Kennst du das …

… du willst einen Text schreiben, z.B. über die Organisation eines Werks, und plötzlich wird daraus der Orgasmus eines Werwolfs? Klarer Fall – dein pubertierender Nachwuchs hat an deinem PC über lebenswichtige Dinge recherchiert – und die Autovervollständigung ist zwar lernfähig, trotzdem hirnlos.

Aber es geht noch schlimmer …

… – du bist im Gespräch, hältst in einem Satz kurz inne, um dich möglichst treffend auszudrücken, und dein Gegenüber fällt dir ins Wort, und zwar um deinen Satz für dich zu vervollständigen? Und liegt dabei zu allem Überfluss auch noch komplett daneben, so dass du dich fragst, wie kann dieser Mensch glauben, ich würde jemals etwas so Abwegiges von mir geben?

Respekt statt kommunikativer Blindflüge

Eines der größten Hindernisse für Wachstum und Lebendigkeit in Beziehungen ist die Annahme, zu wissen, was im Anderen vorgeht, und was wichtig ist für sie oder ihn. Der Weg zum Gegenüber endet auf diese Weise unweigerlich in einer Sackgasse. Was mein Partner bzw. meine Partnerin wirklich denkt, fühlt, braucht oder sich wünscht, welche Werte mein Freund/meine Freundin hat oder haben sollte, was meine Kollegin mit dem, was sie sagt, eigentlich ausdrücken will, was sich tatsächlich hinter dem Gebaren meines Nachbarn verbirgt, oder was für mein Kind letzten Endes vorteilhaft und richtig sein wird – das alles kann ich niemals wissen. Sich diese Tatsache einzugestehen und jederzeit bewusst zu machen, und sie ggf. auch zu kommunizieren, ist ein Zeichen von Respekt, Achtsamkeit und Lernfähigkeit. Das gilt fürs große Ganze einer Beziehung – jeder Beziehung – und es manifestiert sich in jeder einzelnen Begegnung, jedem Gespräch.

Das Antizipieren dessen, was der Gesprächspartner sagen will, kann ein Zeichen interessierten Zuhörens sein – klar ! … Aber wenn wir dem Automatismus folgen, jeden Gedanken aus der persönlichen Erfahrung heraus zu ergänzen, verharren wir im Gefängnis vertrauter Strukturen. Besser, wir erwarten das Neue, das Noch-nie-Gehörte. Denn: Wir wissen definitiv nie, was unser Gegenüber wirklich denkt und fühlt, und schon gar nicht, welches Denken und Fühlen sich gerade jetzt den Weg bahnt, um in Worte gefasst zu werden. Die beste Geburtshilfe ist Neugier und aufmerksames Hör-Fühlen.

Nicht-Wissen als Chance

Doch auch wenn ich dem anderen nicht ins Wort falle, sondern aufmerksam zuhöre und hinfühle, ist das zwar schon sehr viel, genügt aber noch nicht! Wir sollten uns darüber hinaus klarmachen, dass das Verstehen des Gegenübers niemals ein vollkommenes sein kann. Die Bedeutung dessen, was mein Gesprächspartner in Worten ausdrückt, kann ich niemals komplett ermessen. Ich kann niemals vollständig erfassen, welche Assoziationen für mein Gegenüber mit den verwendeten Begriffen verknüpft sind und welche Empfindungen sich hinter einer Äußerung verbergen. Wenn ich dieses Ziel aber nie erreichen kann, lohnt es sich dann überhaupt, sich auf den Weg zu machen? Ich finde: Ja, auf jeden Fall!

Das Nicht-Wissen kultivieren

Echter Gewinn entsteht, wenn wir unser Nicht-Wissen nicht als Defizit, sondern als Chance begreifen. Wenn ich das Nicht-Wissen akzeptiere, bewahrt es mich davor, jemals das Gefühl zu haben, „fertig“ zu sein mit meinem Gegenüber. Der Irrglaube, den Anderen durch und durch zu kennen, bedeutet das Ende einer Beziehung, die es verdient, als solche bezeichnet zu werden. Der Kontakt zwischen Menschen, wenn er tief werden soll, ist ein nie endendes Suchen und Tasten. Ist die Interaktion darauf ausgerichtet, sich einander immer weiter anzunähern, mit dem Ziel, einander immer tiefer zu verstehen, können wir einander wirklich begegnen.

So zumindest sehe und empfinde ich das. Mir ist aber auch klar, dass es in anderen Kulturen durchaus positiv bewertet wird, dem Gesprächspartner ins Wort zu fallen, um ihm zuzustimmen und zu versichern, dass man selbst vergleichbare Erfahrungen kennt. Derartiges Engagement im Gespräch und gelegentliches Gleichzeitig-Sprechen gilt in manchen Regionen oder Gruppierungen als Beweis von Interesse. Sehr irritierend für mich: Mir als konzentrierter Zuhörerin wird von manchen Highspeed-Interakteuren das ‚Temperament‘ abgesprochen. In Härtefällen warten meine Gesprächspartner noch nicht mal meine Reaktion ab, sofern sie nicht ‚wie aus der Pistole geschossen‘ kommt.

Wie erlebst du das?

Hast du solche Gesprächsverläufe erlebt? Wie empfindest du diese Unterschiede in den Gesprächskulturen? Hältst du sie für individuell bedingt oder eher regionstypisch oder gar generationsabhängig? Wie kann man trotzdem zu einer entspannten und lebendigen Kommunikation finden? Es wäre toll, wenn du mir und anderen Einblick gibst in deine Wahrnehmung solcher Situationen.